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Foto: Arnulf Müller

Die Perle der Rhön

Artikel von Christiane Hartung am 31.08.2017

Wo ein Riese gewütet haben soll

Jeder Berg hat wohl seine Sagen und Legenden, die sich um ihn ranken und ihm damit etwas Besonderes verleihen. Die Milseburg bildet da keine Ausnahme. Zahlreichen Geschichten dient die auch als Perle der Rhön bezeichnete Erhebung als Schauplatz. Viele davon gehören aber eher der Märchenwelt an. Dem Namen zum Trotz hat aber wohl nie eine Burg auf der Kuppe gestanden. Dennoch ist der Berg für die Besiedelungsgeschichte von enormer Bedeutung, denn einst haben die Kelten sich hier niedergelassen. Ihre Spuren kann man noch heute am Rande verschiedener Pfade entdecken.

Einst soll Riese Mils sein Grab unter eben jener höchsten Erhebung der Kuppenrhön gefunden und ihr damit auch den Namen gegeben haben. Doch der soll im Bunde mit dem Teufel gestanden haben und vom Heiligen Kilian durch ein strahlendes Kreuz bezwungen worden sein. Ein einfaches Ende für einen, der das ganze Rhöner Land angeblich vor Angst erzittern ließ. Läuft man durch die mystisch anheimelnden Wälder mit den wie zufällig hingeworfenen moosbewachsenen Steinen, kann man schnell nachvollziehen, warum so viele Sagen und Legenden der Milseburg entspringen.


Foto: Christiane Hartung

Man möchte fast an sagenhafte Gestalten glauben, die dort ihr Zuhause haben und jeden Moment hervorspringen könnten. Auch die Formen mancher Steine lassen leicht sonderbare Figuren oder sogar Gesichter erkennen.

Doch es bleibt alles ruhig. Nur die Äste im Wald knacken und die Rhönschafe meckern ein bisschen auf ihrer Weide, während sie genüsslich Gras, Kräuter und Blumen vertilgen. Die Tiere mit ihrer so typischen schwarzen Kopfzeichnung sind derzeit die einzigen Bewohner des 835,5 Meter hohen Berges. Ihrer Aufgabe kommen die für ihre Zähigkeit bekannten Rhön-Schnucken gewissenhaft nach: Die Pflanzen zu kürzen, die auf dem für Fahrzeuge unwegsamen Gelände wachsen. Keine einfache Pflicht, die durch die durchschnittlich 210 Regen- und Nebeltage in der Rhön zusätzlich erschwert wird.

Reiche Tier- und Pflanzenwelt

Die Milseburg verfügt über eine reiche Tier- und Pflanzenwelt. Daher wurde sie bereits 1969 als Naturschutzgebiet ausgewiesen und gehört heute zu einer der Kernzonen der Rhön, eines von gerade einmal 15 in Deutschland existierenden Biosphärenreservaten, wie Rhön-Ranger Arnold Will erklärt. Weltweit dagegen gibt es insgesamt 669 Biosphärenreservate der Unesco. Die Milseburg ist vulkanischen Ursprungs. Das Gestein besteht aus grünlich-grauem bis hellgrauem Phonolit, der plattig zerfällt und beim Anschlagen hell klingt. Deswegen wird er auch Klangstein genannt. Charakteristisch sind die Blockschutthalden, also größere Ansammlungen groben Gesteins. Neben der Wasserkuppe gehört sie zu den am stärksten frequentierten Bergen der hessischen Rhön. Kein Wunder. Zahlreiche Rad- und Wanderwege laden zum Verweilen in der Natur ein und offenbaren die Schönheit der Rhön.

Foto: Christiane Hartung

Eine der Besonderheiten ist die Rundumsicht, die man hoch oben auf den wild aufgetürmten Steinen am Fuße der Kreuzigungsgruppe genießen kann. In den Kernzonen selbst gelten strenge Regeln: Hunde müssen an der Leine geführt werden, Besucher dürfen die vorgegebenen Wege nicht verlassen, offenes Feuer oder campen ist untersagt, Müll muss wieder mitgenommen werden und es dürfen weder Pflanzen oder Pilze gepflückt noch Tiere entwendet werden. Das Besondere der Kernzone? Hier wird die Natur sich selbst überlassen und der Wald nicht mehr bewirtschaftet. Totholz verbleibt an Ort und Stelle – so bietet es unzähligen verschiedenen Arten an Insekten und Mikroorganismen einen Lebensraum.

Möchte man den Sagen Glauben schenken, dann hat Ritter Gangolf eine wahre Heldentat vollbracht. Er soll die nach ihm benannte Quelle durch eine List hoch auf die Milseburg gebracht haben. „Doch die Gangolfsquelle ist mittlerweile leider versiegt“, weiß Rhön-Ranger Arnold Will. Dafür befindet sich heute noch – oder besser: wieder – oben auf der höchsten Erhebung die St. Gangolfskapelle in unmittelbarer Nähe zur Rhönklub-Hütte. Letztere bietet bereits seit 133 Jahren Wanderern eine wohlverdiente Rast- und Einkehrmöglichkeit.


Foto: Arnulf Müller

Die Wallfahrtskapelle dagegen ist wesentlich älter. 1493 erstmals urkundlich erwähnt, wurde sie aus eigenen Mitteln von Philipp II. und seinem Bruder Mangold II. von Eberstein finanziert und 1892 erweitert. Durch einen Blitzschlag brannte das Kapellchen allerdings 1929 komplett nieder. Erst 1932 wurde das kleine Gotteshaus hoch oben auf der Perle der Rhön wieder neu aufgebaut. Noch heute begeht man fünf besondere Feiertage mit offiziellen Gottesdiensten auf der Milseburg an eben jener Kapelle: Gangolf (11. Mai), Wendelinus (20. Oktober), Pfingstmontag, Schutzengelfest (erster Septembersonntag) und Bittsonntag (Sonntag vor Christi Himmelfahrt).

Zeugnisse der Vergangenheit

Rund um die Milseburg findet man entlang der Pfade Hinweise auf die einstige Besiedelung des Berges durch die Kelten. Ein 1,4 Kilometer langer Ringwall gehört wohl zu den eindrucksvollsten Zeugnissen vergangener Zeiten. Bereits im 19. Jahrhundert wurde der Berg von Rudolf Virchow als prähistorische Wallanlage erkannt. Erst Joseph Vonderau rückte die Milseburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch seine umfangreichen Publikationen ins Blickfeld der archäologisch interessierten Öffentlichkeit.


Foto: Arnulf Müller

Seit 1896 waren große Mengen Gestein abgetragen worden, um Schottermaterial für den Gleisbau der Biebertalbahn zu erhalten. Noch heute sind die Lücken im Wallverlauf zu erkennen. Erste Untersuchungen sollen bereits ab 1891 stattgefunden haben. Weitere Grabungen folgten 1899 bis 1906. Doch erst 2003 wurden sie unter Leitung des Fuldaer Kreisarchäologen Matthias Müller wieder aufgenommen. Noch heute graben Archäologie-Studenten regelmäßig auf dem Berg. Dabei legen sie die alte Siedlungsgeschichte frei, denn in der Zeit zwischen 1200 bis 800 vor Christus und 450 bis um Christi Geburt soll die Milseburg bewohnt gewesen sein. „Mittlerweile geht man davon aus, dass die Besiedelung noch früher stattgefunden haben muss“, erklärt der Rhön-Ranger und vermutet: Die Kelten schätzten besonders die hohe Felswand des ansonsten frei liegenden Berges. „So musste eine Seite nicht befestigt werden.“

Ein Berg ohne Burg

Eine Burg auf dem Berg hat es aber nicht gegeben haben. „Vermutlich auf dem Liedenküppel soll eine gestanden haben“, erklärt Will. Allerdings nur für eine kurze Zeit. Im 11. Jahrhundert wurde sie erbaut, 1119 erstmals urkundlich erwähnt und bereits im 13. Jahrhundert wieder aufgegeben. Schon um 1450 soll die einstige abgehangene Höhenburg eine Ruine gewesen sein – eben eine gute Grundlage für märchenhafte Erzählungen rund um ruhmreiche Ritter und unruhestiftende Riesen.

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