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Foto: Tourist-Information Bischofsheim

Wachgeküsst

Artikel von Michelle Fiedler am 01.03.2018

Die Osterburg musste als Rhöner Dornröschen lange auf ihren Prinzen warten

Dornröschen – eine holde Maid, die sich der Sage nach mit 15 Jahren an einer Spindel in den Finger stach und daraufhin in einen endlosen Schlaf fiel. Erst nach hundert Jahren gelingt es einem Prinzen die Prinzessin wachzuküssen. Auch in der Rhön hat das Phänomen Dornröschenschlaf eine einst prachtvolle und mächtige Gestalt in einen langen Schlaf versetzt.

Den Spuren dieses märchenhaften Phänomens kann man ab dem Parkplatz „Osterburg“ – gegenüber vom Arnsberglift nahe des Kreuzbergs – folgen. Von hier aus führt der Rundweg 1 etwa einen Kilometer lang über den Osterberg hoch zur Burgruine Osterburg: besagtem Rhöner Dornröschen.

Durch kleine Wäldchen schlängelt sich der Weg, quert eine Straße und setzt sich durch die Bewaldung des Osterbergs fort. Nach etwa zwei Drittel des Weges muss man sich entscheiden: kürzt man ab und nimmt einen etwas steileren Hang zur Burgruine hinauf, oder folgt man lieber dem etwas längeren Weg mit sanftem Anstieg.

Foto: Tourist-Information Bischofsheim

Egal wie man sich entscheidet, beide Wege führen zum Ziel. Und das hat seinen ganz besonderen Charme. Anhand der noch vorhandenen, beeindruckenden Burgreste kann man spüren, dass die Osterburg früher einmal prachtvoll und mächtig gewesen sein muss. Zudem ist die Aussicht phänomenal. Hier blickt man auf den Arnsberg, den Kreuzberg und die Orte Haselbach und Frankenheim. Ein stiller, friedlicher Flecken Erde, wo man eins mit der Natur werden kann. Und genau das ist auch mit der einstigen Osterburg geschehen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Denn die Burg war lange aus den Geschichtsbüchern verschwunden und wurde erst 2005 so richtig wiederentdeckt – dank des Engagements zahlreicher Rhöner „Prinzen“: Der Verein der Freunde der Osterburg rettete sie vor dem endgültigen Untergang. „Bevor wir mit der Freilegung begonnen haben, konnte man selbst aus der Luft nichts von der Ruine erkennen, lediglich das Grün der Bäume“, erinnert sich Wolfgang Schön, zweiter Vorsitzender des Vereins. Allein im ersten Jahr ihres Wirkens, erarbeiteten sie in Zusammenarbeit mit dem Büro für Burgenforschung Dr. Zeune ein Konzept zur Sanierung und erhielten erforderliche Genehmigungen. Auch die Finanzierung war durch Mittel aus verschiedenen Töpfen, Stiftungen und Förderungen sowie einem Anteil vom Verein selbst gesichert. So ist die Stadt Bischofsheim zwar Eigentümerin, Antragsteller und Aufwandsträger – was sie aber an den Verein delegierte. „Die Stadt wurde für das Projekt nie belastet. Das war die Voraussetzung und ist uns auch sehr wichtig“, betont Geschichtsfachmann Schön.

Das Vorhaben begann mit der Freilegung der Burg aus den Fängen der Natur. „Aufgrund der starken Verwurzelung musste man stets Angst haben, dass beim Entfernen der Bäume die ganze Burg mit dranhängt“, erklärt der pensionierte Lehrer. Doch was sich letztendlich nach der aufwendigen Arbeit auftat, übertraf bei weitem sämtliche Vorstellungen: „Unter Schutt und Wildwuchs kamen gewaltige Mauern aus Basalt zum Vorschein.“ Die Burgruine steht auf einem sogenannten Härtling – ein Vulkanschlot ähnlich wie bei der Milseburg – und entwickelte sich von einem Wohnturm aus zu einem wahren Kleinod. „Wir haben hier eine Dreigliederung mit Kernburg, Zwinger und Halsgraben mit 400 Metern Länge und 100 Metern Breite“, erläutert Wolfgang Schön.

Urkundlich erwähnt wurde die Burg erstmals 1182. Sie soll in den späten 1160er Jahren erbaut worden sein, als das Bistum Würzburg den ihm wichtigen Salzforst durch mehrere Burgen zu sichern begann. Mündlichen Überlieferungen zufolge, soll die Burg 1270 jedoch während einer Auseinandersetzung mit der Abtei Fulda zerstört worden sein. Zwar verschwindet das Kleinod nach 1259 für Jahrhunderte aus der Geschichtsschreibung, doch lässt sich die Zerstörung bis heute nirgends festmachen. Allerdings ist im Baubestand nachweisbar, dass die Osterburg danach noch einmal bewohnt war. Im frühen 17. Jahrhundert soll ein Bischofsheimer Landrichter die im Verfall begriffene Osterburg wieder zu seinem Wohnsitz erhoben haben.

Foto: Klaus Seiffert

Die Burganlage begann auf einem Basaltkegel als längliche Ringmauerburg mit einem großen mauerbündigen Viereckturm an der westlichen Schmalseite. Kurz nach 1200 verstärkten ein mächtiger Rundturm und ein Zwinger die Anlage. Nach Osten wies der Zwinger direkt am Rundturm ein eingezogenes Tor auf. Der Palas, das Hauptgebäude mit Wohn- und Festsaal sowie den einzigen beheizten Räumen, lag an der Südseite. Kurz nach 1600 wurden der Südzwinger und ein Teil des Nordzwingers aufwendig überbaut. Der Rest der Burganlage blieb dem Verfall überlassen, was nach der kurzzeitigen Bewohnung in der Nutzung als Steinbruch gipfelte und sie vom Erdboden verschwinden ließ. Sogar für den Bau des Klosters Kreuzberg wurden dann einige ihrer Steine verwendet. Eine Anekdote dazu kennt der zweite Vorsitzende: „Wir versicherten dem damaligen Guardian Pater Raphael, dass wir diese Steine nicht wieder aus dem Kloster entfernen würden, sofern er ihren Wert mit Bier aufwiegen würde. Und was soll ich sagen – er hat Wort gehalten“, erzählt er lachend.

Nachdem die Burg verschwunden war, entdeckte man sie erst 1897 zufällig bei Forstwegearbeiten wieder, woraufhin der königlich-bayerische Oberforstmeister Max Fuchs die Burgreste bis 1920 komplett freilegte und den Rundturm als Aussichtsturm rekonstruierte. „Fuchs lebte in der Zeit der Burgenromantik und wollte aus der Ruine gerne ein Neuschwanstein der Rhön machen“, schmunzelt der Osterburg-Experte. Die Rekonstruktion des Rundturms hatte allerdings einige technische Fehler, sodass diese „bald dem schiefen Turm von Pisa erhebliche Konkurrenz machte.“ Nach Teileinstürzen musste der Turm 1928 gesprengt werden. Das war das Ende des Rhöner Neuschwansteins und erneut holte sich die Natur die Burg zurück und versetzte sie in einen neuerlichen Dornröschenschlaf.

Foto: Klaus Seiffert

Bis eben der Verein Freunde der Osterburg als Prinz fungierte und bis heute das Ziel verfolgt, die Burgruine wieder zu einer touristischen Attraktion zu machen. So sind heute Reste der Ringmauern der Kernburg und des Zwingers, der Fundamente der Torwangen, des Wohnturms und recht hohe Rückstände des Rundturms zu bestaunen. Als nächstes Vorhaben sollte eigentlich der Keller des Palas ausgegraben werden. Dafür bekam der Verein 2015 auch grünes Licht – allerdings unter 15 strengen Auflagen. „Wir hätten nur händische Ausgrabungen vornehmen dürfen, jedes Fundstück hätte restauriert und erforscht, jeder Stein skizziert, erforscht und fotografiert werden müssen. Das wäre schnell in die Millionen gegangen, also zogen wir den Antrag zurück“, erzählt Wolfgang Schön enttäuscht. „In den letzten zwei, drei Jahren haben wir daher ausschließlich Pflege- und Erschließungsmaßnahmen getroffen.“ Doch die Freunde der Osterburg sind noch lange nicht fertig. „Derzeit haben wir den Plan, die räumlichen Dimensionen der Burg deutlicher zu machen“, weiß Wolfgang Schön. Innerhalb von zwei Jahren soll ab März die Grundmauer des Palas’ sichtbar gemacht werden.

In seiner Gesamtheit ist das Projekt Osterburg ein wunderbares Beispiel für Gemeinsinn, an dem die Bürger, in Gestalt des Vereins, die Kommune, der Landkreis und das Land zusammen arbeiten. Die Bemühungen des Vereins haben sich bereits gelohnt – denn heute ist die Burgruine Osterburg als einstige romanische Wehranlage ein beliebtes Wanderziel und ein wahrer Besuchermagnet. Eine wachgeküsste holde Maid, die man sich unter keinen Umständen entgehen lassen sollte.

Freunde der Osterburg e.V.
Strutweg 15
97653 Bischofsheim a. d. Rhön
freunde@burgruine-osterburg.de
www.burgruine-osterburg.de

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