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Foto: Klaus Bogon

Kleines Tier mit großem Anspruch

Artikel von Stefanie Krauß am 31.08.2017

Für die Rhön-Quellschnecke tragen Einheimische eine besondere Verantwortung

Eine der größten Attraktionen im Land der offenen Fernen ist gerade einmal zwei Millimeter lang. Ihr Name: Bythinella compressa oder zu Deutsch: Rhön-Quellschnecke. Sie schimmert gelblich-grau, lebt im Wasser und ist vor allem eines: selten. Sie steht nicht nur als stark gefährdete Art auf der Roten Liste, sondern ist sogar endemisch, das heißt, sie kommt ausschließlich in den Wäldern der Rhön und im Vogelsberg vor.

Einer, der sich seit Jahren mit viel Enthusiasmus und Herzblut um das kleine Lebewesen kümmert, ist Stefan Zaenker. Geht man mit ihm auf Entdeckungstour, bekommt man ungeahnte Einblicke in die intakte Natur der Rhön. Der Höhlenforscher und Quellenexperte war schon als Kind von kleinen, unbekannten Tieren fasziniert und kennt sich in seinem Metier bestens aus. Die gerade einmal 2 Millimeter große Rhön-Quellschnecke passt also sehr gut in sein Raster.


Foto: Stefanie Krauß

Doch wo genau findet man das kleine Geschöpf eigentlich? „Wie der Name schon sagt, besiedelt es nur Quellaustritte“, erklärt der begeisterte Wissenschaftler. Um es dann aber wirklich zu entdecken, muss man schon sehr genau hinschauen beziehungsweise wissen, wo man suchen muss. Denn abgesehen von ihrer eher unauffälligen Größe ist die Ureinwohnerin der Rhön scheu und versteckt sich sehr gern. Am liebsten ruht sie sich auf naturnahen Steinen aus und lässt ab und zu das kühle Quellwasser über ihren kleinen Körper laufen. Künstlich gefasste Betonbereiche zum Beispiel mag sie gar nicht.

Etwa 20 Schritte unterhalb der bekannten Fuldaquelle vermutet Zaenker ein Plätzchen, wo sich einige Rhön-Quellschnecken aufhalten könnten. Hier sprudelt ein Wässerchen aus der Wiese und die Umgebung ist sehr naturbelassen. Vorsichtig hebt der Forscher einen Stein hoch und streicht behutsam mit einem Pinsel über die Oberfläche. Kaum für das bloße Auge erkennbar, fallen schwarze Krümel in eine Schale mit Quellwasser. Erst beim genauen Blick in das Gefäß – am besten mit einer Lupe – sieht man eine Art Kleintierzoo, der es sich zuvor auf dem Stein gemütlich gemacht hatte: Köcherfliegenlarven, Bach- und Höhlenflohkrebse, Alpenstrudelwürmer und Rhön-Quellschnecken – alle nur stecknadelkopfgroß, alle Indikatoren für beste Wasserqualität.


Foto: Klaus Bogon

Um zu überleben, ist unsere Protagonistin auf gleichmäßig kaltes, naturbelassenes Quellwasser angewiesen, das bestenfalls in Laubwaldarealen hervortritt. „Als Relikt aus der Eiszeit zog sie sich bei steigenden Temperaturen in kalte Quellen zurück. Und auch heute sind die Wasseraustritte ihr einziges Rückzugsgebiet“, erklärt Zaenker. Erstmals 1850 in der Literatur erwähnt, war die Schnecke früher auch in der offenen Landschaft weit verbreitet. Heute kommt sie fast ausschließlich in zusammenhängenden Waldgebieten vor und ihr Bestand ist dramatisch geschrumpft. Daher steht sie auf der Roten Liste stark gefährdeter Arten.

Genau deshalb ist es umso wichtiger, dass sich Menschen wie Zaenker für die Schnecke und ihren Lebensraum einsetzen und Verantwortung übernehmen. Seit Jahren kartiert und untersucht der gelernte Finanzbeamte, der durch seine Forschungen längst zum allseits gefragten Experten geworden ist, die Quellen in der Rhön. Über 3.000 haben er und sein Team – im Schulterschluss mit Förstern und anderen Wissenschaftlern – unter die Lupe genommen. Hierbei konnten eine Menge zum Teil weltweit einzigartige Tierarten, wie auch die Rhön-Quellschnecke, nachgewiesen werden. Aufgrund ihrer hohen Lebensraumansprüche stellt diese eine wichtige Indikatorart für den Zustand der Quellen und ihres Umfeldes dar.

Auch das Forstamt Hofbieber hat eine besondere Beziehung zu dem kleinen Lebewesen: Seit einigen Jahren übernimmt es eine Biotoppatenschaft für die kleine Schnecke und schützt damit nicht nur sie selbst sondern auch den dortigen Baumbestand. Der Stellvertretende Forstamtsleiter Bernd Mordziol-Stelzer erzählt, dass oft nur glucksende Löcher, aus denen ein winziges Wässerchen quillt, von dem Tierchen besiedelt werden. Diese Stellen werden von ihm und seinem Team markiert und in eine Karte eingetragen, damit Stefan Zaenker jede einzelne dieser Quellen untersuchen kann.


Foto: Klaus Bogon

Das Forstamt möchte durch die Patenschaft vor allem auf die enorme Bedeutung der kleinen Schnecke für das Ökosystem aufmerksam machen und ein Bewusstsein auch für Tiere, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, schaffen. „Dadurch, dass die Rhön-Quellschnecke wirklich nicht durch ihre Größe glänzen kann, gerät sie schnell in Vergessenheit oder wird gar nicht erst beachtet. Denn oftmals interessieren sich die Menschen nur für große Tiere, die sichtbar und greifbar sind“, erklärt Bernd Mordziol-Stelzer. Würden die kleinen Lebewesen aber tatsächlich aussterben, hätte dies wohl katastrophale Folgen für die gesamte Umwelt. So müsse sich intensiv um deren Wohl gekümmert werden.

Das Engagement für die Rhön-Quellschnecke zahlt sich damit auch für andere bedrohte Tierarten aus. „Schützen wir den Lebensraum Quelle, so tun wir zugleich etwas für den gefährdeten Feuersalamander oder den vom Aussterben bedrohten Schwarzstorch. Beide finden in Quellgebieten ihre Nahrung, für beide sind wir ebenfalls Paten“, erklärt der Forstamtsleiter. Ist ein Ökosystem wie der Wald samt seiner Quelllöcher kerngesund, so ist auch die Artenvielfalt besonders groß. Naturfreunde wie Zaenker und Mordziol-Stelzer verteidigen die Tummelplätze der Kleinstlebewesen mit Erfolg für eine gesunde Umwelt. Ihre Bemühungen um die Miniaturschnecke sind daher viel weitreichender.

Rhön-Quellschnecke
Lateinischer Name: Bythinella compressa
Klasse: Weichtier
Größe: 2 bis 2,3 Millimeter
Nahrung: Bakterienrasen, Algen
Vorkommen: Quellaustritte in Waldgebieten (meist solche über 450 Meter über Normalnull) mit einer Wassertemperatur von 5,5 bis 8,5 Grad und einem pH-Wert um 7

Unter www.rhoen.quellen-grundwasser.de sind alle Informationen zu Quellenuntersuchungen und zur Verbreitung der Rhön-Quellschnecke einzusehen. Mehr Informationen gibt es außerdem unter www.biosphaerenreservat-rhoen.de

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